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15. Oktober 2026
Das Haus in der Herengracht, in dem Johanna und Joop van Santen lebten, wurde zu einem Zufluchtsort für Menschen aus dem Widerstand. Es gab im Hinterhaus Platz für jeweils sechs Underduiker, unter anderem für die Eltern des niederländischen Soziologen Abram de Swaan, die sich zeitweise hier verstecken konnten. Auf dem Dachboden wurde außerdem die illegale Zeitung »De Vrije Katheder« gedruckt. Eva van Santen sagt, als »fortschrittliche Frau und Kommunistin« sei ihre Mutter sehr engagiert gewesen: »Sie setzte sich insbesondere für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse im Jordaan-Viertel ein. Nach dem Krieg eröffnete sie ihre eigene Allgemeinpraxis und behandelte hauptsächlich Arbeiter*innen aus dem Jordaan, dem Viertel direkt hinter unserem Haus. Als Kommunistin hielt sie es für wichtig, insbesondere diesen Menschen zu helfen.«
Dass Eva van Santen mit den Menschen vor dem Haus in der Herengracht steht, hat allerdings weniger mit dem Engagement ihrer Mutter nach dem Krieg und dem Widerstand während der Besatzung zu tun, sondern damit, dass Johanna schon vor dem Krieg aktiv war. 1936 fuhr sie als Teil einer Delegation des Wuppertal-Komitees in die Stadt im Bergischen, um einen der Prozesse gegen Wuppertaler Gewerkschafter*innen zu verfolgen. Auf den Spuren des Wuppertal-Komitees ist Mitte April ein ganzer Reisebus voll Antifaschist*innen nach Amsterdam gereist, um die Geschichten von Eva van Santen und den Kindern anderer Mitglieder des Komitees kennenzulernen und den gegenseitigen Austausch zu vertiefen." (Sebastian Weiermann)
ausländischer Delegationen nach Wuppertal sehr öffentlichkeitswirksam.
Erstaunlicherweise blieben die Richter und auch das Justizministerium
im Umgang mit ausländischen Delegationen zunächst relativ
gelassen. Die erste feststellbare Reaktion der Justiz auf die Pressekampagne
im Ausland ist die Verfügung von Wilhelm Crohne vom 5. Dezember
1935. Er wies das OLG in Hamm an, »nur noch politisch zuverlässige Leute«
an den Prozessen teilnehmen zu lassen. Der Umgang mit internationalen
Delegationen war aber nicht zentral geregelt, sondern den Gerichten
wurde ausdrücklich freie Hand gegeben, das Problem mit den unerwünschten
Zuhörern selbstständig zu lösen. Die Öffentlichkeit war bei
den Hochverratsprozessen nicht automatisch ausgeschlossen. Sie konnte
aber auf Antrag der Staatsanwaltschaft oder des Gerichts wegen »Gefährdung
der Staatssicherheit« ausgeschlossen werden. Insgesamt sind vier
Delegationsreisen nach Wuppertal, zwei aus Frankreich und zwei aus den
Niederlanden, belegt. Die letzte Reise fand vom 7. bis zum 10. März 1936
statt. Als Teilnehmer:innen sind Sik Ien Tjoa, Martinus Jacobus Kerssens
und Lie Heijnen bekannt. Kerssens reiste als Vorsitzender der Abteilung
Krommenie des »Moderne Bond van Textielarbeiders«.
und ihren Angehörigen den Rücken und verunsicherten vor allem
die NS-Institutionen. Die Gestapo in Wuppertal wurde am 8. Januar 1936
um 9.00 Uhr morgens von der Nachricht überrascht, dass sich eine französische
Delegation im Landgerichtsgebäude zum Prozessauftakt gegen
Löhde u.a. aufhielt. Erstaunlicherweise war die »allwissende« Wuppertaler
Gestapo, aber auch der SD, vom Auftauchen der Delegationen vollkommen
überrascht worden. Staatsanwalt Terjung war der erste, der mit der
»versuchten Teilnahme von Ausländern an der Verhandlung in der Strafsache
gegen Löhde« konfrontiert wurde. Terjung vermutete in seinem
dienstlichen Bericht sogar einen Zusammenhang zwischen dem Besuch
der Ausländer und den »zahlreich aus Holland und Frankreich [bei Gericht]
einlaufenden Protestschreiben« und rief die Gestapo. Beim Eintreffen der
Gestapo-Angestellten Eisel und Fischer stellte sich heraus, dass auch eine
niederländische Delegation vor Ort war.
Die erste niederländische Delegation bestand aus dem Sekretär des
Wuppertal-Komitees, Dr. A.C. Oerlemans, sowie aus zwei niederländischen
Studenten namens Abraham Manjoe Teitel aus Delft und Johanna Moes
aus Leiden. Die jungen Niederländer gaben sich gegenüber der Gestapo
als Studenten aus, die sich über die »deutsche Rechtspflege« informieren
wollten. Sie bezeichneten sich als Vertreter eines niederländischen Verbandes
junger Intellektueller. Sie hätten in Holland von einem großen Kommunistenprozess
gehört, an dem sie als Zuhörer gern teilnehmen wollten.
Die Bitte wurde von Staatsanwalt Terjung abschlägig beschieden, weil der
zurzeit stattfindende Hochverratsprozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit
stattfinden würde.
Die erste französische Delegation bestand aus dem Rechtsanwalt Albert
Delevalléi aus Douai, dem Pastor Heremie Coremann aus Jory und der
prominenten Schriftstellerin Clara Malraux, Ehefrau des französischen
Schriftstellers André Malraux. Sie war in Paris geboren und stammte aus
einer deutsch-jüdischen Familie. Auch sie wurden von Staatsanwalt Terjung
persönlich abgewiesen.
Beide Delegationen konnten sich ungehindert aus dem Landgericht
entfernen, ein »begründeter Verdacht einer strafbaren Handlung« bestand
gaben vor, das Land am gleichen Tag wieder verlassen zu wollen, die
Franzosen wollten zu einem Abendessen in das französische Konsulat in
Köln weiterreisen.
Delegation in Wuppertal war, schloss 1939 ihr Medizinstudium in Amsterdam ab.216 Sie arbeitete mit Unterbrechungen zunächst als
Ärztin im Krankenhaus »De Volharding« in Den Haag. Johanna Moes blieb politisch aktiv und engagierte sich im Wachsamkeitskomitee.
Seit mindestens 1941 hatte Johanna Moes in Den Haag direkten Kontakt zu Mitgliedern der illegalisierten CPN und war Mitglied der
CPN geworden. Am 17. August 1941 stürmten Mitglieder des deutschen SD gemeinsam mit niederländischen Polizisten das Haus von
Janny Brandes-Brilleslijpers und ihrem Mann Bob Brandes in Den Haag. Janny und Bob Brandes waren aktive Kommunisten und
Widerstandskämpfer:innen. Janny Brandes-Brilleslijpers war zudem Jüdin und dadurch doppelt gefährdet. In ihrer Wohnung wurden
illegale Zeitungen gedruckt und Geflüchtete versteckt. Das Parteiarchiv der CPN war zeitweise in den Töpfen in der winzigen Küche
über dem Herd deponiert. Um die Entdeckung des Partei-Archivs in letzter Minute abzuwenden, versuchte die zum Zeitpunkt hoch-
schwangere Janny eine List, sie simulierte vor den Deutschen die unmittelbar bevorstehende Geburt und durfte eine Ärztin alarmie-
ren. Die herbeigerufene Ärztin war die mit Janny befreundete Johanna Moes, die in ihrer Wohnung ebenfalls kommunistische
Aktivisten untergebracht hatte und auch zum CPN-Netzwerk gehörte. Johanna Moes konnte ihre Patientin allein untersuchen, sich mit
ihr beraten und den Schlüssel der illegalen Druckerei übernehmen. Anschließend setzte sie gegenüber dem SD durch, dass ihre Patien-
tin sofort ein Medikament in der nahen Apotheke abholen solle. In der Nähe der Apotheke arbeitete auch Bob Brandes, den sie so vor
der Razzia warnen konnte.
kennen. 1942 zog sie nach Amsterdam und im November 1942 heirateten sie. Am 8. Juli 1943 bekam das Ehepaar ihr erstes Kind Eva.
Joop van Santen war seit 1931 Mitglied der kommunistischen CPN. Ab 1940 arbeitete er für die illegale von kommunistischen Studenten
gegründete Zeitung »De Vrije Katheder«. Das Ehepaar bezog eine große Wohnung in der Heerengracht 28. Das Haus mit seinem
vieler Onderduiker und war an der Unterbringung jüdischer Babys und Kleinkinder in Pflegefamilien beteiligt. Joop van Santen war oft in niederländischen Städten
in Amsterdam nieder. »Als fortschrittliche Frau und Kommunistin war sie sehr sozial engagiert«, so erinnert sich die Tochter Eva.